Um was geht’s denn da?

Katja Schneider


Die Modifizierung der alten Frage, was Kunst sei, treibt die Münchner Performer in den Alltag. Während bayerische Klänge und Alpen-Ballermann aus der Konserve, ein Biertresen und Scheinwerfer den Eingang eines exquisiten Modegeschäfts als Eventzone markieren, um kurze Zeit später das Poldi-Label „branden“ zu können, tönt es ein paar Meter weiter, im Schäfflerhof gegenüber den neuen Fünf Höfen, ganz anders. Bei * Irrtümer und Änderungen vorbehalten steht in drei silbrigen Boxen jeweils ein Redner und spricht auf seine Weise über das Verschwinden, philosophisch, praktisch (bei Feuerbestattungen dürfen nur Naturmaterialien an den Körper!), biographisch, aus literaturwissenschaftlicher Sicht oder aus welcher auch immer.

Angela Dauber, die mit dem bildenden Künstler Samuel Rachl seit Jahren als Künstlerduo Installationsperformances im öffentlichen Raum ausrichtet, zielt auf die Seite jedes Menschen, die einerseits sehr intim ist, über die er sich andererseits auch gern austauscht. „Diese Seite möchte ich in einer Situation herauskitzeln, in der man sachbezogen, zweckgerichtet unterwegs ist.“ Auf nicht zu sehr und nicht zu wenig belebten Straßen und Plätzen, dem Zufall überlassen, wer kommt, zuhört und wieder geht.

Ob jemand Tänzer, Sänger, Schauspieler oder Theoretiker ist, ob er sich in der Bewegung, sprachlich oder gestisch äußert, das mache keinen wesentlichen Unterschied, meint Angela Dauber: „Entscheidend ist der Verlaufsmoment.“ Stimmen und Geschichten überlappen sich, viele Passanten bleiben stehen, hören zu. Einige fragen nach: „Um was geht’s denn da? Der hat was über den Professor Neumann gesagt, und den kenne ich persönlich.“ In gepolsterten Hörzellen kann man Platz nehmen. Ausruhen, zuhören, zusehen, beim Zuhören angesehen werden. Die sich überlagernden Monologe zetteln eigene Geschichten an. Da drüben das Paar im Café. Die Performer wechseln ihre Plätze, reden und reden. „Über die Kommunikation“, so Samuel Rachl, „kommt man mit der Kunst an den Menschen ran.“ Potentiell erreichbar sei jeder, sagt Angela Dauber. Man müsse nur nahe genug kommen.

Seit rund 15 Jahren entwerfen Dauber und Rachl Verlaufsaktionen, arbeiten mit dem Moment des Flüchtigen, das Werk mutiert zum kollektiven Prozeß. Radikal wie die Performance der sechziger Jahre sind die Arbeiten nicht. Defensiver, beiläufiger kommen sie daher, das Pathos der früheren Tabuverletzer liegt ihnen fern. Statt berserkerndem Genietreiben setzt das Kollektiv subkutan an, behauptet sich nicht durch den schockierenden Rundumschlag, sondern durch beharrliche Irritation und hartnäckiges Aufstöbern einer Gesellschaft, die sich, verglichen mit den sechziger Jahren, grundlegend gewandelt hat – was die Grenzen von Öffentlichkeit und Privatheit sowie die Normen für das Verhalten im öffentlichen Raum betrifft. „Die große Geste“, resümiert Samuel Rachl, „ist nicht mehr zeitnah, nicht mehr die Sprache, die beim anderen ankommt. Es wird immer reduzierter, bis zur kleinen Geste, die professionell geäußert wird. Für mich geht der Tanz bis zum Zittern der
Oberlippe.“

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