schöne weite Welt

Reaktorhalle München, 26. bis 29. Juli 2001, 2. bis 5. August 2001
Christina Schachtner - Vernetzt, zerteilt, abgelegt und wieder aufgenommen




Aus dem Halbdunkel tauchen Verhaltensschauplätze auf, weiße Plattformen, neben- und übereinander angeordnet. Schwarze Hocker fordern zum Sitzen auf. Wir dürfen uns niederlassen, ein Animateur auf Stelzen weist uns den Plätzen zu. Verhaltensschauplätze sind nichts Ungewöhnliches, unser Alltag ist voll davon. Sie haben ihre Regeln, wir kennen sie und wissen, was da oder dort zu tun ist.

Auf den Schauplätzen der "schönen weiten Welt" von Angela Dauber und Samuel Rachl wissen wir es erst mal nicht. Wir sitzen und hören Florian Gass zu, der Super-8-Streifen vorführt und kommentiert, die er auf dem Flohmarkt gekauft hat. Was wir sehen? Urlaubsfotos, Familienfotos, Stadtbilder. Der Philosoph Ulrich Winko zieht uns in seinen Bann mit einer Rede über Wahrnehmung, Wirklichkeit und den Konstruktivismus, den er verteufelt. Lächelnd folgen wir dem Lautpoeten Valeri Scherstjanoi, der das Wort Liebe in scheinbar unbegrenzten Variationen buchstabiert, formuliert, schnalzt, pfeift. Warum das alles jetzt und in diesem Raum? Warum für uns? Für uns oder mit uns oder gegen uns?

Sehsplitter, Klangsplitter, Gedankensplitter, Platzsplitter wirbeln durch den Raum, treffen uns, prallen ab, umgarnen uns. Das Differente springt uns von allen Seiten an so wie in unseren jeweiligen Alltagen auch. Soll und kann es nebeneinander existieren, sollen und wollen wir es verknüpfen, ein Mosaik weben, ein Gehäuse für unsere Ichversuche bauen? Mit diesen drängenden Fragen konfrontiert die Performance-Installation; sie macht sie noch drängender. Wir werden auf einen Aussichtsturm geschickt, von dem aus wir alle Schauplätze auf einmal sehen und zugleich hören, was auf jedem Schauplatz passiert. Dann sind wir wieder unterwegs, bewegen uns von Plattform zu Plattform, lassen uns nieder, verweilen, stehen auf, gehen weg, kommen wieder.
Das sicherste Gefühl vermittelt der Aufbruch. Wie? Haben wir nicht eben noch geglaubt, daß wir auf Dauer und Stabilität angewiesen sind? Erfahren wir gerade den Genuß einer neuen Mentalität, die ihre Sicherheit aus dem Aufbruch zieht, die uns bisher im Angekommensein zu liegen schien? Wir müssen nichts fest-halten und auch uns kann nichts festhalten. Der Animateur, der unseren Schauplatzwechsel zu dirigieren sucht, tut sich immer schwerer. Die Anweisun-gen verpuffen zunehmend. Die Zuschauer, Zuhörer oder was immer sie im Verlauf des Abends geworden sind, folgen ihrem eigenen Rhythmus. Sie gehen, obschon sie sitzen bleiben sollen, und bleiben sitzen, wenn sie zum Gehen aufgefordert werden. Sie bleiben sitzen bei Valeri Scherstjanoi, dessen Repertoire an Lautfolgen und Klangkombinationen unerschöpflich zu sein scheint. Wir werden anstrengend. Er geht, wir bleiben sitzen und spinnen den Faden weiter, den der Künstler ausgelegt hat.

Angela Dauber und Samuel Rachl wollen kein Mitmachtheater; das entsteht auch nicht. Das, was entsteht, ist radikaler. Die Regie liegt nicht mehr allein in der Hand der Regisseure. Ein neuer Begriff von Kunst deutet sich an. Diese Kunst ist nicht mehr einzigartiger Akt, der unverkennbar einem Schöpfer zuzuordnen wäre. Es ist eine kollaborative Kunst, in Gang gesetzt durch die Architektur des Kunst-Raumes im Zusammenspiel mit den Performern an verschiedenen Verhaltensschauplätzen, aber dann den Bewegungen der Leute ausgesetzt, die in diesen Raum gekommen sind, ihren mentalen und körperlichen Bewegungen. Es entsteht eine Kunst, in der sich die Blicke, die Fragen – die gesagten und ungesagten – des Publikums, das nicht mehr nur Publikum ist, widerspiegeln, eine Kunst, die herumgetragen, vernetzt, verstrickt, zerteilt, abgelegt und wieder aufgenommen wird. Sie kündet genauso wie die, die sie herumtragen, vom Unterwegssein. Sie erinnert an ein Kaleidoskop, das mit jeder Drehung Farbe und Form verändert. Sie ist anarchisch, denn sie ist unbeständig.

schöne weite Welt